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“Ich bin ein Irrenmagnet“
Tanja Wittrien am 12.12.2011
Sebastian Fitzek, Programmdirektor beim Radio und promovierter Jurist, lehrt uns regelmäßig das Fürchten. Der Berliner Schriftsteller hat sich seit 2006 auf das Schreiben von Psychothrillern spezialisiert. Dafür lässt er sich gerne von den Menschen in seiner Umgebung inspirieren. Der weltweite Erfolg gibt dem Multitalent recht.
MeinPaket.de: Welche Schrecken erwarten uns in Ihrem aktuellen Roman “Der Augenjäger“?
Sebastian Fitzek: Es geht um einen sadistischen Augenarzt, der seine weiblichen Opfer verschleppt, ihnen die Augenlider entfernt und sie vergewaltigt. Die grauenhaften Bilder dazu existieren nur im eigenen Kopf. Es geht also nicht um brutale Gewaltdarstellung, sondern um menschliche und seelische Abgründe.
MeinPaket.de: “Der Augenjäger“ folgt als Fortsetzung auf den “Augensammler“. Zwei Bücher, viele Augen. Haben Sie selbst irgendwelche traumatischen Erfahrungen beim Augenarzt gemacht?
Sebastian Fitzek: Nein, überhaupt nicht. Augen interessieren mich eher in ihrer Funktion als Einfalltor in die menschliche Seele. Vor allem hat mich interessiert, inwiefern eine Blinde eine Augenzeugin sein kann.
MeinPaket.de: In Ihrem Buch “Die Therapie“ verschwindet die kleine Tochter der Hauptfigur spurlos aus einer Arztpraxis. In “Splitter“ will Ihr Protagonist mit Hilfe eines Experiments den Tod seiner Familie vergessen und verliert plötzlich die eigene Identität. Ist es dieses Opferbild, das Sie so interessant am Genre finden?
Sebastian Fitzek: Mich interessieren immer die Auswirkungen. Das ist für mich der Unterschied zwischen Krimi und Thriller. Im Krimi geht es vordergründig darum “Wer hat’s getan?“. Bei mir geht es aber immer um diese “Was wäre wenn“-Frage. Was wäre wenn ein ganz normaler Mensch mit einer Situation konfrontiert wird, die ihn an seine seelischen Abgründe führt? Das interessiert mich, weil ich selber kein Ermittler bin. Ich bin kein Psychologe. Ich bin kein Polizist. Und das macht für mich meine Protagonisten interessant, weil sie so handeln wie du und ich.
MeinPaket.de: Inspiration muss ja von irgendwo herkommen. Sie bezeichnen sich selbst als “Irrenmagnet“. Können Sie das näher erläutern?
Sebastian Fitzek: Wenn Sie wie ich Psychothriller-Autor sind, setzen Sie sich ja auch mit kleinen Macken auseinander. Und wenn Sie auf einmal danach Ausschau halten, werden Sie feststellen, dass es unglaublich viele merkwürdige Menschen in Ihrer näheren Umgebung gibt. Ich arbeite beim Radio und habe da sehr viele Menschen kennengelernt. Je mehr ich mich mit denen beschäftige, desto eher sind sie geneigt, mir ihre Geschichten zu erzählen. Da wird man eben zu einer Art Magnet.
MeinPaket.de: Finden Sie sich manchmal unbeabsichtigt in Ihren eigenen Charakteren wieder?
Sebastian Fitzek: Natürlich ist es so, dass das Unterbewusstsein gerade beim Psychothriller immer mitschreibt. Wenn man das dann Freunden zu lesen gibt, sagen die: “Hier hast du doch den beschrieben“ oder “Das ist doch das Erlebnis.“ Ich merke das meistens gar nicht und muss dann sagen “Stimmt!“. Schreiben ist eine Art Therapie. Insofern steckt in jeder Figur, in den Guten sowie in den Bösen, immer ein Stück Fitzek.
MeinPaket.de: Lesen Sie immer noch jede Woche einen Krimi oder sind es jetzt vielleicht Liebesromane? Wie Sie kürzlich auf Facebook gepostet haben, ist David Nicholls' “Zwei an einem Tag“ nicht spurlos an Ihnen vorübergegangen.
Sebastian Fitzek: Spätestens nach dem dritten Thriller muss eine Pause her. Dann greif ich gerne zu historischen Romanen, Harry Potter, einem Klassiker oder auch zu einem Liebesroman wie “Zwei an einem Tag“. Den habe ich in einer Hotelbibliothek gesehen und ich wollte schon immer mal herausfinden, was jetzt das Magische an diesem Buch ist.
MeinPaket.de: Ihr Buch “Das Kind“ wurde gerade verfilmt, “Der Seelenbrecher“ als Theaterstück inszeniert. Waren Sie selbst am kreativen Prozess und der Umsetzung beteiligt?
Sebastian Fitzek: Bei “Das Kind“ ja, bei “Der Seelenbrecher“ nein. Grundsätzlich möchte ich mich da raus halten. Aus zwei Gründen, der erste ist ganz banal: Ich bin selbest gespannt, welche Bilder ich in den Kopf des Regisseurs oder des Dramaturgen gepflanzt habe. Das andere ist eine handwerkliche Sache: Ich halte nichts davon, dass man sich in Felder begibt, wo man sich nicht auskennt. Im Vorfeld habe ich aber immer gesagt, was mir wichtig ist.
MeinPaket.de: Nach so einem großen Projekt wie “Der Augenjäger“ haben Sie gerade Ihre Lesetour beendet. Sitzt man da schon an einem neuen Projekt oder macht man erstmal Pause?
Sebastian Fitzek: Ich war gerade auf Rügen und habe mich da im Hotel einquartiert und geschrieben. Es ist ein großes Privileg, dass man sich die Zeit selbst einteilen kann. Wenn man eine Geschichte erzählen will, ist das auch ein bisschen manisch. Wenn man eine Idee hat, muss man an den Computer gehen und sie schreiben. Das ist bei allen Schriftstellern so. Ken Follett schreibt jeden Tag, auch zu Weihnachten. Bei mir gibt es auch keinen Tag, an dem ich nicht über eine Geschichte nachdenke oder daran arbeite. Der Tipp, den ich allen angehenden Schriftstellern geben kann, ist so viel wie möglich zu schreiben.
MeinPaket.de: Herr Fitzek, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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